Freitag, 6. April 2018
In vino veritas

Achkarren

Übermorgen, Sonntag, fahre ich zu einem Krankenbesuch nach Brüssel. Dort werde ich auch eine gute Bekannte treffen, die mich gestern gebeten hat, ihr vier Flaschen Wein mitzubringen. Und zwar einen ganz bestimmten Rotwein vom Kaiserstuhl.

Sie dachte wohl, dass es den hier in jedem Supermarkt gibt, dem ist aber nicht so. Ich erfuhr schließlich, dass man ihn entweder direkt vor Ort oder in einer der Edeka-Hieber-Filialen im weiteren Umkreis finden kann. Da das Wetter schön war und es bis nach Vogtsburg-Achkarren nur 40 km sind, fuhr ich heute dort hin.

Als ich auf dem Parkplatz der Winzergenossenschaft aus dem Wagen stieg, hatte ich sofort die Nase voller Weindunst und Trester-Geruch. Das erinnerte mich an die beiden Jahre Anfang der 1970er, als ich als Student in Traben-Trarbach an der Mosel bei der Weinlese geholfen und 50 DM pro Tag plus Kost und Logis erhalten hatte. Ich habe also immer noch diese Geruchserinnerung. Die ist dann wohl unauslöschlich.

Ich ging in den grossen Verkaufsraum, wo an einem Tresen ein Rentnerehepaar sass, Wein verkostete und der Verkäuferin lauter Dinge erzählte, die diese sich einfach nur anhören musste - ob es sie nun interessierte oder nicht. Es interessierte sie nicht, soviel war klar.

Irgendwann schaffte sie dann doch den Absprung bis zu mir und fragte nach meinem Begehr. Ich wusste ja ganz genau was ich wollte, zeigte ihr ein Handyfoto von einer Flasche des Jahrgangs 2014, das meine Bekannte mir geschickt hatte, und bat um einen 6er-Karton.

Ob ich probieren wolle? Ich verneinte freundlich und war auch damit einverstanden, statt Jahrgang 2014 Produkte vom Jahrgang 2016 zu erstehen.

Ich verabschiedete mich und wurde auch von dem älteren Ehepaar mehr oder weniger von der Seite angequatscht. Der Mann sagte nicht nur "Auf Wiedersehen" zu mir, sondern auch noch sowas wie "Und geniessen Sie den guten Tropfen!" Als wenn er den Wein selbst geerntet, gekeltert und auf Flaschen gezogen hätte.

Ich sagte nur, schon hinausgehend, "Der ist nicht für mich." Und er so "Naja, aber trotzdem, es ist ein sehr guter Tropfen." Woher er das wohl wusste? Wollte sich wohl nur bissle als Kenner outen. Hätte sicher gewünscht, dass ich mich auf ein Gespräch einlasse, in dem er mir dann erzählt hätte, wann er diesen Wein, damals, zum ersten Mal gekauft hätte und so weiter und so fort. Da hatte er halt Pech. Ich hatte keine Lust, mich volllabern zu lassen.

Ich fuhr dann wieder heim, um den Wein gleich in den Keller zu bringen, damit er bei dem tollen Wetter nicht im Auto ins Schwitzen gerät.

Während der Fahrt überlegte ich, was ich mit der Rechnung von 38,22 € machen sollte. Soll ich mir das Geld erstatten lassen und vielleicht Kleingeld auf 40 € rausgeben? Oder schlimmer noch, 40 € einstecken, weil sie vielleicht ungeschickterweise "Lass mal" sagen würde? Ich möchte ihr den Wein gerne schenken. Aber ich weiss nicht, ob sie so ein Geschenk annimmt.

4 Flaschen hatte sie ja "bestellt". "Les bons comptes font les bons amis" sagt man. Korrekte Abrechnung erhält die Freundschaft.

Ich muss mir das nochmal überlegen.

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