Mittwoch, 6. Juni 2018
Vom zweiten Grad ins erste Glied
Die Rolle, die die meisten von uns im politischen Diskurs spielen, ist ja hauptsächlich eine passive. Sie besteht zum grössten Teil aus dem Hören, Lesen und Sehen von Informationen und Nachrichten. Diese werden dann oft unvollständig bis falsch in privaten Gesprächen, am Stammtisch oder als Smalltalk auf Parties und Kindergeburtstagen weitergegeben. Dort werden sie erwähnt und besprochen, um nicht das grössere Wort "diskutiert" zu missbrauchen.

Solche Besprechung erfolgt in fast allen Fällen top-down: Man geht von einer bei sich selbst oder beim Gesprächspartner vorhandenen allgemeinen Idee aus, zum Beispiel "Ausländer schaden uns nur", und bestärkt sich dann gegenseitig durch Suchen, Finden und Aufzählen von Beispielen für die Richtigkeit dieser Meinung. So entsteht Geschwätz und Kommunikation zweiten Grades. Deren Sprache hat keinen direkten Aufforderungscharakter, sie richtet sich an keine kompetente oder handlungsbefugte Person und ist letztlich beliebig.

Derart beliebige und letztlich unbegründete Meinungsfragmente gehen dann bottom-up in eine gemeinsame Richtung, um sich zu einem Haufen gedanklichen Komposts zu verdichten, auf dem so etwas wie die Ah Äff Deeh gedeihen kann.

Diese beginnt dann, in Kommunikation ersten Grades ihren Haufen in den öffentlichen Diskurs herunterzubrechen. So entsteht dann allerdings auch der allgemeiner Wirrwarr in Köpfen und Medien, in den man wie in einen Strudel hineingezogen wird, dessen Bewegungsrichtung jeden nach unten ins Verderben zieht, der ihm hilflos ausgeliefert ist.

Der einzige Ausweg für den denkenden Menschen besteht nun darin, sich geistig so zu verhalten, wie man sich in einem Wasserstrudel verhalten muss, um dem Ertrinken zu entgehen: Man lässt sich erst mal bis ganz nach unten ziehen; das haben wir ja schon getan. Und wenn man mit den Füssen am Boden angekommen ist, geht man wie um Anlauf zu nehmen in die Hocke. Und stösst sich dann mit aller Kraft schräg nach oben ab, um so den Strudel zu verlassen, an die Oberfläche zu gelangen und Land zu gewinnen.

Erst dann kann man anfangen, wieder vernünftige Gedanken zu entwickeln.

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Dienstag, 29. Mai 2018
Eine neue Liebe
Ob man in einem kurzen Nachruf auf Jürgen Marcus das schöne Lied "Eine neue Liebe ist wie ein neues Leben" daraufhin abklopfen soll, "was der Text jedoch nicht sagt", möchte ich zumindest mal dahingestellt lassen.

Klar, dass ein neues „Leben nicht unbedingt ein positives sein muss“, das weiss man ja nie. "Es kann positiv sein … oder vielleicht auch negativ". Die einen sagen so und die andern sagen so. So what?!

Und, klar ist Liebe "nicht … zwangsweise die Lösung aller Probleme." Hat ja wohl auch niemand behauptet. Warum soll man dann das, wenn man sich freut oder verliebt ist oder auch nur "diesen Schlager mitsummt, im Hinterkopf haben"? Das ist doch Blödsinn.

Eine neue Liebe ist wie ein neues Leben! Und das ist auch gut so. Es ist ein Evergreen und ein Ohrwurm. Ich fand das Lied vor fast 50 Jahren gut und es gefällt mir auch heute noch. Hinterkopf hin, Hinterkopf her.

Anlass zu diesem Eintrag waren mir diese
https://theolounge.blog/2018/05/29/gedanken-zum-schlagersaenger-juergen-marcus/
wozu ich dort auch einen Kommentar hinterliess.

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Donnerstag, 24. Mai 2018
Spiesser oder nicht, das ist hier die Frage
Hallo allerseits!

Neulich musste ich für eine Nachbarin ein Dokument im Krankenhaus abholen. Der Parkplatz war proppenvoll. Ah nein, zwei Plätze waren noch frei. Genauer gesagt, auf jedem stand nur ein halbes Auto. Das haben wir gerne! Ein einziges Auto blockiert rittlings auf der Trennlinie stehend zwei Parkplätze.

Man kennt das ja, sieht es leider ziemlich oft. Und jedes Mal denkt man automatisch - jedenfalls geht es mir so - dass man irgendwas gegen solche Leute tun sollte.

Von den französischen Autos, die hier beim Edeka manchmal alle fünf Behinderten-Parkplätze blockieren, will ich gar nicht erst reden. Ich selber brauche ja keinen, kann mir aber auch nicht vorstellen, dass so viele Franzosen behindert sein sollen. Und ein Sprachproblem kann es ja wohl auch nicht sein.

Jetzt sah ich mehr oder weniger zufällig bei einem großen Online-Anbieter, wo es ja so gut wie alles und somit auch für jedes Problem eine Lösung gibt, einen Block mit vorgefertigten Haftzetteln. Die kann man dann bei der nächsten Gelegenheit der jeweiligen Dumpfbacke unter den Wischer klemmen.

SCHEISSE GEPARKT

Jetzt aber meine Frage. Bin ich ein Spiesser geworden? Ich habe noch kein Kissen auf der Fensterbank liegen, auf das ich mich auflehnen könnte, um den Strassenverkehr vor dem Haus zu beobachten. Da ist nämlich keiner.

Trotzdem frage ich mich, hätte ich sowas vor 20, 30 oder 40 Jahren auch schon gemacht? Solche schulmeisterlichen Zettel verteilen? Oder gab es diese Probleme - und solche Zettelblocks - früher noch gar nicht?


Grübelnd einen schönen Tag wünscht allen seinen Leserinnen und Lesern

Der Schreibman

Ausgewählte Einträge:
https://schreibmanskultbuchauswahl.blogger.de/

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Freitag, 18. Mai 2018
Asperger

Jetzt kenne ich schon mehrere Personen mit der Diagnose Asperger. Als ich das Wort zum ersten Mal las, wusste ich noch nicht, dass es sich dabei um den Namen von Herrn Asperger handelt, der seit den 1940er Jahren namensgebend war.

Ich musste zuerst an die beiden französischen Wörter "asperge" und "asperger" denken, also "Spargel" beziehungsweise "bestreuen, besprengen, besprühen, bespritzen", die natürlich nichts mit dem Namen des Herrn Asperger zu tun haben.

Ich hatte schon einmal gedacht, die Aspergers könnten doch einen Club aufmachen, einen Asperger-Verein. Gibt es wahrscheinlich auch schon.

Aber das ist ja eigentlich genau das, was sie nicht wollen, denke ich mal. Denn schliesslich ist es ein Charakteristikum ihrer Diagnose, dass jeder in seiner eigenen kleinen Welt lebt. Und wenn nicht, dann wollen sie doch wohl möglichst als Menschen wie Du und ich betrachtet werden, was sie in vieler Hinsicht ja auch sind. So wie wir manchmal sind wie sie.

Ist nicht jeder ein bisschen Asperger, frage ich mich manchmal.

Wenn jemand einen Text darüber veröffentlicht, wie schlecht es ihm geht, und sich dann darüber ärgert, wenn er oder sie "Gefällt mir"-Klicks erhält und dann fast aggressiv fragt "Was gefällt Dir denn daran?", dann fragt man sich doch, ob man etwas falsch gemacht hat. Oder was man hätte besser machen oder besser nicht machen sollen.

Wenn jemand alles immer nur auf sich bezieht und nur mit seinen eigenen Erfahrungen vergleichen und aus seiner eigenen kleinen Welt berichten kann - ist das schon Asperger oder noch ganz normales Tagebuch schreiben oder gar Literatur?

Wenn jemand Texte schreibt, in denen er oder sie schonungslos seine egozentrischen Gedanken offenlegt, ohne Rücksicht darauf, wen diese interessieren oder wie sie beim Leser wirken könnten - ist das immer gut oder ist es Asperger?

Darf man solche Fragen überhaupt stellen?

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Donnerstag, 10. Mai 2018
Besitz ergreifen und loslassen

Drinnen geht besser als draussen. In dem Bus, der uns anderthalb Stunden lang durch Wiesbaden fährt, ist es sehr angenehm, bei 27° draussen. Die Stadt ist die letzte Station unserer Flusskreuzfahrt. Ich habe hier mal drei Jahre lang gewohnt, da war ich 13 bis 15 Jahre alt.

An "meiner" Wolfram-von- Eschenbach-Strasse im Dichterviertel sind wir vorbeigefahren, jetzt sind wir im Komponistenviertel, am Bundeskriminalamt und der orthodoxen Kirche vorbei und durch Sonnenberg gefahren, wo einer meiner Klassenkameraden wohnte, der heute Professor für Kommunikationswissenschaft in Austin (Texas) ist.

Wiesbaden ist eine schöne und reiche Stadt und ich habe sehr gute Erinnerungen an "meine" Zeit dort in den 1960er Jahren.

Inzwischen hat sich natürlich viel verändert. Es ist nicht mehr "meine" Stadt. Ich vermeide auch jeden Versuch, sie mir irgendwie wieder anzueignen oder Besitz von ihr zu ergreifen. Sie ist mir angenehm fremd geworden.

Besitz ergreifen möchte ich jetzt nur noch von einem grossen Erdbeerbecher auf dem Dern'schen Gelände. Und heute Abend gibt es dann das Abschieds-Gala-Essen auf dem Schiff.

Erdbeerbecher in Wiesbaden

Vor dem Galadinner

Mehr Fotos:
https://www.flickr.com/photos/schreibman/

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Samstag, 21. April 2018
Schönes Fiasco

Gärspund

Weiss jemand, was das ist? Moment, ich sag's dann gleich. Wie ich darauf komme? Das sag ich jetzt sofort. Es war nämlich so.

Ich sah einen Film der Reihe "Mord im Mittsommer", in dem ein Mann sich eines solchen Röhrchens bediente.

Das erinnerte mich an eine gewisse Zeit, in der auch ich ein solches verwendete. Das ist mir jetzt nicht peinlich. Peinlich ist mir höchstens, dass ich dauernd an Dinge in der Vergangenheit denke, wenn ich Filme sehe.

Oft sage oder denke ich dann "Da war ich auch schon mal" oder "Sowas hatte ich früher auch" oder "Das habe ich oft gemacht" und so weiter und so fort.

Aber zurück zum Röhrchen. Ich hatte mich eine Zeit lang dafür interessiert, nicht nur meinen eigenen Gemüsegarten zu bestellen, sondern auch eigenes Bier und eigenen Wein herzustellen. Beim Bier hab ich gleich am Anfang einen Fehler gemacht, weil ich tote Bierhefetabletten statt lebende Bäckerhefe verwendete, was natürlich völliger Unsinn war und keinerlei Gärung in Gang setzte.

Ich hatte einen darin erfahrenen Übersetzerkollegen, der mir dann beibrachte, wie man es richtig macht.

Um Wein herzustellen, pressten wir Kirschen und füllten den Saft in so eine grosse Ballonflasche, die auf Französisch Dame-jeanne und im Italienischen Fiasco heisst.

Nach einiger Zeit fängt der Saft an zu gären und heftig zu blubbern. Und damit die Flasche dann nicht überläuft, setzt man einen Gummipfropfen und eben diesen Gärspund (englisch "water trap") als Verschluss obendrauf, wobei man in das Röhrchen etwas Wasser gibt, sodass nur Luft entweichen, aber nicht in die Flasche eintreten kann.

Dieses Blubbern und Gären kann Tage und Wochen dauern, bis die im Fruchtsaft enthaltene Hefe den Zucker in Alkohol verwandelt und so den Saft zu Wein macht. Mit ein wenig zugegebener Hefe kann man den Vorgang beschleunigen und mit Zugabe von Zucker den Alkoholgehalt erhöhen.

Mein Kirschwein hatte damals 16 Volumen %. Und eine gewisse Menge davon habe ich dann an einem Abend am Gartenzaun mit meinem Nachbarn getrunken und mehr will ich hier lieber nicht erzählen.

Nur so viel, es war der beste Rausch meines Lebens.

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Samstag, 14. April 2018
Von der Äwwennju in die Urinstrasse

Vorigen Sonntag war ich ja nach Belgien zu einem Krankenbesuch gefahren. Erst hinterher habe ich entdeckt, dass mein Handy die ganze 500 km lange Strecke in einer "Zeitachse" aufgezeichnet hat.

Meine Fahrt nach Belgien am 8. April 2018

Eigentlich hatte ich ja über Nancy fahren wollen und durch den 7 Kilometer langen Maurice-Lemaire-Tunnel zwischen Sélestat und Saint-Dié, den ich seit 40 Jahren kenne und mag. Irgendwie hatte ich jedoch die Abzweigung verpasst und folgte dann dem Navi über Strasbourg. Das war allerdings noch der alte Navi. Mit dem neuen wäre mir das vielleicht nicht passiert.

Ihr Französisch müsste die Nachfolgerin von Madame Tomtom allerdings noch ein bisschen verbessern. Und Avenue nicht Englisch aussprechen. Und aus der Rheinstrasse (Rue du Rhin) keine Ru-eh-d'Urin machen.

Heute bin ich dann mal wieder meine kleine Dreiländertour (60 km) gefahren, für die ich natürlich keinen Navi brauche. Ich wollte nur mal sehen, was der sich alles merkt.

Dreiländertour 60 km

Ich war also nach Riehen in der Schweiz gefahren, um in der Migros ein paar Kleinigkeiten einzukaufen. Da gibt es wirklich

Schoggi in der Migros
alles

Schweizer Schokolade
was man so braucht

ausser Alkohol und Zigaretten. Auf dem Rückweg habe ich dann noch ein paar Erdbeeren aus Frankreich mitgenommen.

Einkaufskorb

Allen, denen jetzt ein bissle das Wasser im Mund zusammengelaufen ist, wünsche ich ein schönes Wochenende. Und den anderen natürlich auch.

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