Freitag, 20. November 2020
Wie sieht's aus?
Mein Augenoptiker gab ja neulich die Parole aus: "Eine Brille kaufen - die zweite geschenkt!" Das hörte sich ganz gut an.

Zwar hatte ich schon eine Weitsichtbrille und eine zum Nahsehen, die ich beide dank zunehmender Gewöhnung ans Gleitsehen allerdings gar nicht mehr brauchte. Eine Reserve-Gleitsichtbrille konnte also nicht schaden. Zusammen mit der geschenkten hätte ich dann ja drei. Ich kam ins Grübeln.

Im Auto ist Gleitsicht auf jeden Fall angezeigt. Man kann dann sowohl den Tacho und den Navi lesen als auch weiter entfernt befindliche Verkehrsschilder. Denen musste ich mich vorher immer so weit nähern, bis ich entweder schon eine Abzweigung verpasst oder noch gar nicht endgültig entschieden hatte, wohin ich eigentlich fahren wollte.

Aber ich will jetzt nicht abschweifen. Nah- und Fernbrille bleiben also in der Schublade, den Gebrauch der drei Gleitsichtbrillen muss ich noch vernünftig einteilen. Damit sie sich in etwa gleich abnutzen. Und da ist eben die Frage: Soll ich jeden Tag eine andere verwenden oder je nach Situation entscheiden und sie entsprechend wechseln?

Denn sie eignen sich ja für alles gleichermassen. Ich kann mit ihnen lesen, fernsehen, Auto fahren, Glühbirnen auswechseln, Zähne putzen, Spülmaschine ausräumen, einkaufen und das Kleingedruckte auf den Etiketten mit den Inhaltsstoffen entziffern.

Und wie wäre es mit Wochentagen? Also die mit dem blauen Gestell freitags, die mit dem orangenen samstags und die schwarze an Sonn- und Feiertagen? Blanker Unsinn!

Soll ich mich mit der gesamten Problematik überhaupt beschäftigen? Ich sollte mich vielleicht wieder wichtigeren Themen widmen. Mich ernsthaft mit den amerikanischen Präsidenten beschäftigen und die verschiedenen Kurven zum Verlauf der Pandemie verfolgen.

Dafür fehlt mir aber eine ganz andere Brille.

Die rosarote.

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Donnerstag, 12. November 2020
Zwischenzeiten
Als ich neulich das Autoradio einschaltete, stiess ich auf ein interessantes Gespräch. Weil ich den Anfang der Sendung verpasst hatte, wusste ich nicht sofort, worum es eigentlich ging. Der Redakteur der Sendung im Deutschlandfunk hatte einen Literaturwissenschaftler zu einem ganz aktuellen Aspekt befragt.

https://youtu.be/8DpA9Eqhfm8

Hier der Podcast der ganzen 20 Minuten:

https://ondemand-mp3.dradio.de/file/dradio/2020/11/05/buechermarkt_05112020_komplette_sendung_dlf_20201105_1610_8a1491e6.mp3

Minute 00.00 bis 10.18
Christoph Schröder über Ben Lerner, "Die Topeka Schule"
Minute 10:19 bis 19.34
Gespräch Jan Drees mit Christian Metz über Zwischenzeiten in Politik, Literatur und Rhetorik

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Dienstag, 13. Oktober 2020
Fahr mal hin
Kaum 20 km von Köln entfernt befindet sich das kleine Grenzstädtchen Vaarmalin / Gamaarkijken. Wenn man die Kontrollen im Innern des Ortes umgehen will, kann man schon vor dem Ortseingang einen Tunnel nehmen. Dieser führt unter dem Städtchen hindurch, bis man auf belgischer Seite wieder herauskommt.

Das Besondere in diesem Tunnel, den man nicht motorisiert durchfahren kann, sind die zahlreichen Stände, an denen man verschiedenste Lebensmittel kaufen kann. Auf deutscher Seite findet man hier verschiedenste Brotsorten wie Kommissbrot, Schrotbrot oder Genetztes sowie süsse Stückle / Teilchen als da wären Berliner, Amerikaner, Flammende Herzen oder Knieküchle / Ausgezogene.

Dass man sich anschliessend im belgischen Teil des Tunnels befindet, verrät dann das Angebot an Bieren wie Duvel, Kwak oder Mort Subite (Schneller Tod)

sowie von Gemüsesorten wie Champignons de Paris, Choux de Bruxelles (Rosenkohl) oder Chicorée / Endive / Witloof / Chicon.Und auf einem grossen Schild am Tunnelausgang ist dann in den drei Landessprachen zu lesen


Glaub nicht alles was du liest
Ne croyez pas tout ce que vous lisez
Geloof niet alles wat je leest

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Mittwoch, 12. August 2020
Bedeutendes
O. ist eine ältere Dame, fast so alt wie ich. Sie legt Tarotkarten, deutet Träume und sieht hinter allem eine Bedeutung. Und nur sie sieht sie.

Sie hat eine Art Aberglaube, der über das hinausgeht, was wir allgemein darunter verstehen. Also es reicht ihr nicht, zu sagen, dass es Unglück bringt, wenn man Schuhe auf den Tisch stellt oder einen Spiegel zerbricht.

Nein, sie hat einen ganz eigenen Aberglauben. Also wenn sie zum Beispiel Kaffee verschüttet, wo wir sagen würden "Was bin ich doch für ein Schussel?", dann denkt sie, dass das ein ganz besonderes Zeichen, speziell für sie, ist.

Es bedeutet zum Beispiel, dass ihr "jemand" (?) sagen will, dass sie weniger Kaffee trinken sollte. Oder dass sie dafür bestraft wird, dass sie der Kassiererin im Penny nicht gesagt hat, dass die ihr zuviel Wechselgeld rausgegeben hat. Auf den Kaffeebohnen lag praktisch ein Fluch.

Es gäbe noch andere Beispiele, die mir im Moment gerade nicht einfallen.

Vielleicht werde ich ja auch einfach nur dafür bestraft, dass ich diese Zeilen schreibe.

Das ganze Bedeutungssuchen erinnert mich an so einen Deutschlehrer, der die Frage "Was will uns der Dichter damit sagen?" stellt. Ich hatte auf solche Fragen immer die Antwort im Kopf: "Wenn er uns etwas anderes sagen will, als in dem Text steht, warum sagt er es dann nicht gleich direkt?" Dichter haben ja meist gute Absichten und wollen irgendeine Moral verbreiten. Warum also dieses Versteckspiel?

Etwas anderes sind dann die Fälle von eher schlechten Absichten. Wenn man also bewusst etwas schreibt, was erst unter ganz bestimmten Voraussetzungen "richtig" verstanden werden kann. Also wenn in einem Arbeitszeugnis steht "Er sorgte immer für ein gutes Betriebsklima" und wenn damit eigentlich gemeint ist: "Der Kandidat ist Alkoholiker".

Ich selber bekam übrigens gestern wieder - und schätzungsweise zum dritten Mal innerhalb von zwei Jahren - eine Mitteilung, dass ich in der Platanenallee 37 km/h gefahren sei, wo nur 30 erlaubt sind. Ich soll deswegen 15 Euro bezahlen.

Was bedeutet das? Denken die, dass ich zu blöd bin, spätestens nach dem zweiten Mal darauf zu achten, meine - eh schon langsame - Geschwindigkeit rechtzeitig noch ein bisschen zu drosseln? Oder denken sie, dass sie mir mit 15 Euro Bussgeld Angst machen können? Oder halten sie mich gar für geizig, weil ich nicht ein bisschen schneller gefahren bin?

Ich glaube, ich muss mal wieder in die Schweiz. Dort ist es mir schon passiert, dass ich auf einem Autobahnabschnitt, wo nur Tempo 70 erlaubt war, mit 77 km/h geblitzt wurde. Das hat mich 200 CHF/EUR gekostet!

Denen werde ich es zeigen, dass ich kein Geizhals bin. Wofür halten die mich eigentlich?

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Donnerstag, 9. April 2020
Geschäft ist Geschäft
Als Gutenachtgeschichte habe ich meiner Frau gestern Abend den von mir erlebten Zusammenhang zwischen dem Atomium in Brüssel und dem grössten Klo der Welt in Hornberg im Schwarzwald erzählt.

Mein Freund und Kunde Michel aus meiner belgischen Übersetzer- und Dolmetscherzeit hatte mit beiden zu tun. Seine Firma hat die Aussenverkleidungen der silbern glänzenden Kugeln des Atomiums erneuert und im Werk Duravit, für das der Designer Philippe Starck das grösste Klo der Welt geschaffen hat, eine Fassadentäfelung aus Spezialmaterial geliefert und angebracht.

Mit Michel fuhr ich auch öfters als Dolmetscher mit zu Fulgurit in Dettelbach bei Würzburg und zu Eternit in Berlin. Wir assen und logierten immer in den besten Hotels und einmal speisten wir auch im Restaurant in der obersten Atomium Kugel, zu dem ein Aufzug 100 Meter in die Höhe führt. Die anderen Kugeln sind durch Rolltreppen miteinander verbunden.

Heute mittag zeigte ich meiner Frau dann auf dem Handy ein paar Bilder vom grössten WC der Welt, vom Atomium und von dem Designer Philippe Starck, der vor allem Stühle und Sitzmöbel entworfen hat.
"Der war wohl sehr an Stuhlgang interessiert", kalauerte sie, worauf wir beide spontan lachen mussten. "Das grosse Geschäft", wollte ich erläutern, machen die vor allem mit Indien."


Doch schon nach den ersten drei Worten dieses Satzes mussten wir in erneutes Lachen ausbrechen.


Ausgewählte Einträge:
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Sonntag, 22. März 2020
Null Komma nichts
Im Gegensatz zum Dolmetscher ist der Übersetzer ja ein Stubenhocker par excellence. Da ich beruflich die meisten Tage mit Texten daheim im Büro verbracht habe, fällt mir das #WirBleibenZuhause nicht so schwer wie vielen anderen.

Zufällig ergab es sich, dass ich kürzlich auf einen Roman aufmerksam wurde, den ich bisher erst zur Hälfte gelesen habe und dessen Hauptperson ein Übersetzer ist. Das Buch ist wie für mich geschrieben. Ich gehe geradezu in ihm auf.

Von Pascal Mercier, hinter dessen Pseudonym sich der Schweizer Philosoph Peter Bieri verbirgt, hatte ich schon den "Nachtzug nach Lissabon" gelesen und den gleichnamigen Film mit Martina Gedeck und Jeremy Irons genossen.

"Ich sehe in den Nachrichten all das Elend. Bilder von Armut, Dürre, Flucht und Vertreibung. Menschen, die Wasser bräuchten und nicht Worte. Zehntausende, Hunderttausende. Ich gehe zum Schreibtisch und frage mich: Macht ihr Elend das, was ich hier tue, kleiner? Vielleicht sogar bedeutungslos? Kann man im Ernst darüber nachdenken, ob man ein Komma oder ein Semikolon setzen soll, wenn andere nicht wissen, wo sie schlafen können, ohne zu erfrieren? Und dann denke ich über das Komma nach." (Pascal Mercier, Das Gewicht der Worte)

Ministerpräsident Winfried Kretschmann hat aus Solidarität mit unseren französischen Nachbarn angeboten, Schwerstkranke aus dem Elsass, wo nicht mehr genügend Beatmungsgeräte zur Verfügung stehen, zur Behandlung in Baden-Württemberg aufzunehmen.

Pascal Mercier, Das Gewicht der Worte

Contrairement à l'interprète, le traducteur est un travailleur à domicile par excellence. Comme j'ai passé la plupart de mes journées professionnelles à travailler dans mon bureau chez moi sur des textes, rester à la maison n'est pas aussi difficile pour moi que pour beaucoup d'autres.

Par hasard, je suis récemment tombé sur un roman que je n'ai lu qu'à moitié jusqu'à présent et dont le personnage principal est un traducteur. Le livre, c'est comme si on l'avait écrit pour moi. J'y suis presque absorbé.

J'avais déjà lu "Nachtzug nach Lissabon" de Pascal Mercier (Train de nuit pour Lisbonne) et j'ai apprécié le film du même nom avec Martina Gedeck et Jeremy Irons.

"Je vois toute cette misère aux nouvelles. Des images de pauvreté, de sécheresse, de fuite et d'expulsion. Des gens qui avaient besoin d'eau et non de mots. Des dizaines de milliers, des centaines de milliers.Je vais à mon bureau et je me demande: votre misère rend-elle moins important ce que je fais ici ? Peut-être même insignifiante? Pouvez-vous sérieusement penser à mettre une virgule ou un point-virgule lorsque les autres ne savent pas où ils peuvent dormir sans mourir de froid ? Et puis je pense à la virgule". (Pascal Mercier, Le poids des mots)

Par solidarité avec nos voisins français, le ministre-président Winfried Kretschmann a proposé d'admettre des patients gravement malades d'Alsace, où il n'y a plus assez de respirateurs disponibles, pour les soigner dans le Bade-Wurtemberg.

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Mittwoch, 29. Januar 2020
Beredtes Verschweigen
An Hand eines kurzen Eintrags möchte ich einmal darstellen, welche Informationen zwischen den Zeilen er enthalten, welche Gedanken des Autors er widerspiegeln und welche verschiedenen Reaktionen beim Leser er verursachen kann. Die Menge der Infos kann kleiner, grösser und anders sein als der Text rein sprachlich hergibt. Menschliche Sprache kann - im Gegensatz zur tierischen und anderen Kommunikationsformen - auch die Ergänzung oder gar das Gegenteil von Behauptungen dessen enthalten, was sie - eben nur augenscheinlich - zum Ausdruck bringt.

Über das Thema "Planung von drei Kurzurlauben" hätte ich auch schon früher oder erst später oder gar überhaupt nicht schreiben können oder wollen. Ich schrieb den Eintrag jedoch an einem Tag, als gerade eine grössere Panikmache in allen Medien wegen dem Corona-Virus in China stattfand. Nach dem Motto "Wenn morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen" wollte ich allerdings keinen Baum pflanzen, noch glaubte ich an einen bevorstehenden Weltuntergang. Der hätte mich durchaus davon abgehalten, seien wir doch mal ehrlich. Ich wollte nur als kleines Gegengewicht zu dem Thema etwas Positives schreiben, wo es um private Zukunftsplanung für ein ganzes Jahr ging.

Auch der letzte Satz des Eintrags ("Und als Rentner hat man ja Zeit zum Planen“) spielte scherzhaft auf die Tatsache an, dass man als Rentner und Älterwerdender naturgegebenermassen nicht mehr so ganz arg weit vorausplanen kann.

Der Satz "Besuche bei meinen Kindern und Kindeskindern muss ich dann irgendwie auch noch wochenendweise einschieben" kann interessante und uninteressante Informationen enthalten und/oder Fragen und Gedanken beim Leser auslösen. Sind ihm seine Geschwister und Schwiegerfamilie wichtiger als seine Enkel? Nur wer frühere Einträge von mir kennt, weiss, dass ich regelmässig nach Belgien fahre und nicht aus eigenem Erleben wissen kann, was man von mir als Opa erwarten können muss. Es wurde mir ja nicht vorgelebt. In dem Alter, in dem ich jetzt bin, war mein Vater schon tot und seine drei Enkelkinder gerade erst geboren.

Jeder Satz ist Bestandteil einer Geschichte. Es muss beim Leser nicht die gleiche sein wie beim Autor.

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Ausgewählte Einträge:
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