Mittwoch, 18. September 2019
Schwiegersohn kauft Brauerei
Das erfuhr ich auf dem Familientreffen. Wie wenn sich jemand ein neues Auto gekauft hätte. Ich habe zwei Schwiegersöhne und diesen kannte ich bis dahin, was das Berufliche betrifft, nur als Inhaber einer Franchise-Geschäftsstelle für Einbauküchen einer grossen französischen Kette.

Jetzt will er sich wohl in doppelter Hinsicht selbständig machen. Zum Einen, indem er nicht nur Glied einer Kette ist und jetzt ein zweites Standbein hat, und zum Anderen, indem er Leiter und Besitzer einer Firma ist, die ihr Schicksal allein und unabhängig gestaltet.

Er ist zweifellos ein guter Geschäftsmann und ich kann mich insofern überhaupt nicht mit ihm vergleichen. Auch ich habe mich damals selbständig gemacht, nachdem ich ein paar Jahre lang in verschiedenen Berufen, vom Fischverkäufer bis zum Sprachlehrer, gearbeit hatte. Ich wollte schreiben und selbständig sein.

Als Übersetzer brauchte ich nur eine Schreibmaschine und die Fähigkeit, druckreife Texte zu liefern. Aus der elektrischen Schreibmaschine wurde bald eine elektronische, mit Kugelkopf oder Typenrad, und schliesslich ging nichts mehr ohne Computer. Alle zwei Jahre wurde ein neues Faxgerät angeschafft, bis das Faxen ganz aus der Mode kam.

Ich musste dauernd grundsätzliche Entscheidungen treffen. Sollte ich ein Einmannunternehmen bleiben oder mir nach und nach ein Netz von Mitarbeitern und Subunternehmern aufbauen? Sollte ich dabei bleiben, hauptsächlich als Zulieferer grösserer Übersetzungsbüros in Brüssel zu arbeiten oder mich mehr auf Akquise konzentrieren und möglichst nur noch für Direktkunden arbeiten? Ersteres versprach mehr Sicherheit und das andere mehr Gewinn, von dem nicht sicher war, ob und wann er sich einstellen würde.

Wie und wo sollte ich Werbung für mich machen? Anzeigen in den Gelben Seiten von Brüssel hatten mich viel Geld gekostet, das ich genauso gut zum Fenster hätte rauswerfen können. Ich hatte keine Ahnung von Werbung. Ich war kein Werbefachmann.

Ich war nur Übersetzer. Selfmademan, One man show. Die Entwicklung - Digitalisierung, Billiganbieter aus dem Osten, neue Übersetzungssoftware - überholte mich.

Ich hatte mir kein Übersetzungsbüro gekauft.

Vielleicht hätte ich mir eine Brauerei kaufen sollen. Dann hätte ich mich wenigstens immer umsonst betrinken können.

Umso mehr freue ich mich, dass es mir heute so gut geht. Aber das ist eine andere Geschichte.

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Donnerstag, 22. August 2019
Tot beim Edeka
Zum Thema Tod des Autors ist mir noch was ganz Wichtiges eingefallen.

Wenn man einen Text liest, ist der Verfasser desselben im Prinzip wie tot. Das heisst, man liest den Text anders, wenn man weiss, dass der Autor noch lebt als wenn man das nicht wüsste. Und man hat sogar noch die Möglichkeit, sich an den Verfasser zu wenden und ihm ein Feedback zu geben.

Wenn man als Leser weiss, dass der Autor tot oder sonstwie unerreichbar ist, hat man immer auch ganz andere Gedanken als beim Lesen eines Textes, zu dem man noch beim Autor intervenieren kann.

Beim Lesen von Schriften toter Autoren kann man sich ja einfach sagen "Na ja, so war das halt damals, heute denken wir ganz anders darüber, die Welt hat sich inzwischen ja auch weiterentwickelt".

Ganz anders ist es beim Lesen von Anmerkungen oder Texten jeder Art von Personen, die man entweder kennt oder von denen man weiss, dass sie noch leben und dass sie auf mein Feedback auch wieder antworten können.

Man kann mit ihnen in einen Dialog treten und als Antwort auf eine schriftlich formulierte Darlegung behaupten, dass genau das Gegenteil der Fall ist. Oder man kann ihnen zustimmen oder sie ergänzen und damit signalisieren "Ja, im Prinzip denke ich genauso".

Ich muss jetzt leider darauf hinweisen, dass jeder Autor eines irgendwie gearteten Textes praktisch schon so gut wie tot ist. Denn der Text, den ich lese, steht erstmal auch ganz alleine für sich da, ohne dass ich etwas über den Autor wissen muss.

Die Gedanken, die man sich beim Lesen eines Textes macht, können sehr weit auseinanderklaffen, je nachdem, ob man den Autor kennt oder ob man wenigstens weiss, wie man zu ihm steht, und ob er tot ist oder nicht und ob man sich möglichenfalls auf ein Streitgespräch mit ihm einlassen möchte oder nicht.

Ein und derselbe Text kann also bei jedem einzelnen Leser andere und grundsätzlich zuwiderlaufende Gedanken und Reaktionen hervorrufen. Obwohl er von ein und demselben Autor verfasst wurde und obwohl oder weil dieser schon verstorben oder noch quicklebendig ist.

Der Text, den er abgesondert hat, macht ihn insofern zu einem toten Autor, als er keinerlei Einfluss mehr darauf hat, wie sein Text verstanden werden soll.

Fiel mir grade so auf dem Parkplatz vom Supermarkt ein.

Link: Der Tod des Autors

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Mittwoch, 31. Juli 2019
Der Grabbelstudent
Gestern war ich mal wieder in Breisach. Ich setzte mich an einen Draussen-Tisch vom Café Bechtel. Das andere beliebte Café am Marktplatz, das Ihringer, hatte wie immer montags und dienstags geschlossen.

Seit über einem Jahr ist der ganze Platz und die zu ihm führenden Strassen wegen Bauarbeiten abwechselnd teilweise geschlossen.

Notgedrungen mussten auch einige Geschäfte vorübergehend schliessen und ich rechnete schon damit, dass einige vielleicht für immer geschlossen bleiben würden.

Aber weit gefehlt. Dass sie es sich jetzt, wie das Ihringer, mitten in der Saison leisten können, an zwei Tagen pro Woche Betriebsruhe zu halten, lässt meine Befürchtungen als unbegründet erscheinen. Die Bauarbeiten sind allerdings noch nicht abgeschlossen und die zentrale Rheinstrasse ist noch immer komplett gesperrt.

Ich hatte einen guten Blick vom Café Bechtle auf den komplett gepflasterten, leeren und nur von Springbrunnen belebten Marktplatz. War früher ein Parkplatz.

Eine erste männliche Aushilfskraft trug eine Pizza ziemlich lange von Tisch zu Tisch, bis er den richtigen fand. Eine zweite tat das gleiche und ich sah meine Aussichten, meinerseits ein Stück Kuchen bestellen zu können, schwinden.

Eine Kellnerin, die ich einfach ansprach, vetröstete mich auf einen Kellner, der bald kommen sollte. Wer dann mit leeren Händen fast an mir vorbeigelaufen wäre, war die eine der vorher herumgeirrten Aushilfen. Ich sprach ihn einfach mit „Entschuldigung!“ an und bewirkte tatsächlich sein Anhalten in Höhe meines Tischs.

„Ich hätte gerne einen Pflaumenkuchen mit Sahne.“

„Flammkuchen? Können Sie in der Karte gerne einen aussuchen.“

„Nein, Pflaumenkuchen. Zwetschgendatschi. Verstehen Sie?“

Er verstand tatsächlich und war Franzose. Okay, alles gut.

Als er mir den Kuchen hingestellt hatte, äusserte ich meinen Wunsch, sofort zu bezahlen. Den Grund schien er sogar irgendwie zu verstehen. 4,80 Euro. Nur das Stück Kuchen. Kein Getränk.

Jetzt wollte ich ihn nicht mit 20 Cent Trinkgeld abspeisen. Was soll ein französischer Student damit anfangen? Ich gab ihm also einen 10 Euro-Schein und sagte „sechs“, damit er mir nur zwei 2-Euro-Stücke zurückgeben musste. Und was macht er?

Fängt an, in seinem grossen Geldbeutel wie wild im Kleingeldfach zu grabbeln als wollte er mir die 4 Euro Wechselgeld in kleinster Münzen heimzahlen.

Es waren dann aber nur vier 50-Cent-Münzen und ein 2-Euro-Stück.

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Donnerstag, 25. Juli 2019
Wie ich mal zu Gericht sass
Ausgewählte Einträge:
https://schreibmanskultbuchauswahl.blogger.de/

In meiner Zeit in Belgien wurde ich mal von einem Richter eingeladen. Zu einem Gericht. Und das kam so.

Frau und Kinder waren in den Ferien ans Meer gefahren und ich hatte einen grösseren Übersetzungsauftrag fertigzustellen. Eine Freundin von uns, deren Vater Richter war, hatte mit ihren Eltern vereinbart, mich an einem der Tage meines Strohwitwerdaseins zum Mittagessen einzuladen.

Ich sass dann also mit ihr und ihren Eltern zu Tisch. Welche Gerichte es nun im einzelnen gab, weiss ich nicht mehr.

Sehr wohl weiss ich jedoch noch, dass ich richtig erschrak, als die Dame des Hauses plötzlich heftig eine Klingel bediente, die an ihrem Platz auf dem Tisch stand. Das wiederholte sich noch zwei- bis dreimal und jedesmal kann dann eine Bedienung aus der Küche und brachte wieder irgendeine Vor-, Haupt- oder Nachspeise.

Das Gespräch war vermutlich bewusst so gehalten, dass ich einigermassen mitreden konnte. Was wohl weniger der Fall gewesen wäre, wenn man über irgendwelche Persönlichkeiten gesprochen hätte, die ich nicht kannte.

Einmal wurde das ganz offensichtlich, als die Tochter des Hauses irgendwie den Gefangenenchor erwähnte und so tat, als wüsste sie gerade nicht mehr, aus welcher Oper der war. Mit dem Wort "Nabucco" konnte ich die Lücke füllen und so auch einen bescheidenen Einblick in meine ebenso bescheidene Allgemeinbildung geben.

Aber ich liess mir nicht anmerken, dass ich das Spiel durchschaut hatte. Vielmehr begann ich alsbald darüber nachzudenken, mit welcher Ausrede ich mich möglichst zeitnah verabschieden könnte.

Der gute Richter kam mir jedoch zuvor. Was mich masslos verärgerte. Denn als ich gerade beschlossen hatte, definitiv meinen Abschied einzuleiten, meinte er sinngemäss: "So, es hat mich gefreut, dass Sie hier waren. Ich hoffe, dass es Ihnen gemundet hat. Sie können nun wieder heimgehen und wir werden unsere Mittagsruhe halten."

Ich liess mir meine Verärgerung darüber, dass ich mich nicht aus eigener Initiative verabschieden konnte, nicht anmerken, und brach naturgemäss so schnell auf, dass es zumindest nicht als übereilt betrachtet werden konnte und somit in jedem Fall der Anstand gewahrt blieb.

Erst heute, da ich ziemlich oft Gerichtssendungen mit Richter Ulrich Wetzel oder Richterin Barbara Salesch sehe, vermag ich diese jahrelang zurückliegende Begebenheit in einem anderen Licht zu sehen. Der Richter verkündete das, was ich als Rausschmiss empfunden hatte, als ganz normales "Die Sitzung ist geschlossen."

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Freitag, 12. Juli 2019
Schlaflose Gedanken
Das Rauschen nimmt überhand.

Ob es eine Frage des Älterwerdens oder eine allgemeine Erscheinung des Zeitgeistes und des Zustands unserer Gesellschaft ist, weiss ich nicht. Jedenfalls passiert es mir immer öfter, dass Gedanken, die mir zunächst interessant erscheinen und über die ich dann auch gerne etwas bloggen würde, sofort von Gegenargumenten und Einwänden aller Art begleitet oder gar niedergemacht werden.

Man kann ja über alles schreiben. Aber es wird auch schon über alles geschrieben. Jeder hat zu allem irgendetwas zu sagen. Möglichst zu allem sollte man gleich eine Meinung und auch ständig neue Gedanken haben, was früher doch fast normal war.

Heute ist nichts mehr normal. Aus allen Ecken und Enden kommen Zurufe, Flüsterstimmen und Fertigargumente.

Eigentlich sollte man wirklich längere Pausen einlegen, um möglichst viel von solchem Rauschen an sich vorbeiziehen zu lassen.

Früher konnte man ja wenigstens noch mitrauschen.

 

https://anjesagt.blogger.de/stories/2730522/

https://trittenheim.wordpress.com/2019/07/10/hoerst-du-es-rauschen-kommunikationsstoerungen/

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Dienstag, 2. Juli 2019
Wo brennt's?
Zum Thema Waldbrand hatte die ARD gestern Abend auch gleich eine Sondersendung ins Programm genommen. Und wie hiess diese Sendung über brennenden Wald natürlich? Na? Brennpunkt!

Bis heute Mittag war noch nicht sicher, wann man des Feuers endlich Herr werden würde. Man fragte sich also: "Wann wird man dem Feuer Herr?" Manche sind ja noch nicht mal Herr des Genitivs. Geschweige denn des Feuers.

Ein interviewter politischer Verantwortlicher meinte dann, man müsse auch das Positive sehen. "Alles, was jetzt abbrennt, kann dann später nicht mehr abbrennen."

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Donnerstag, 27. Juni 2019
In luftigen Höhen am heissen Tag
Heute Nachmittag bin ich von 36° auf 26° runter- und dabei gleichzeitig in mehr als 1.000 m Höhe hochgefahren, vom Rheintal in die Vogesen. Vorbei an der Käse-Metropole Munster, in angenehm luftige Höhen mit ruhenden Skiliften, vorbei am Petit Ballon (Kleiner Belchen, Kahler Wasen) und am Grand Ballon, am Hohneck und am Lauchsee, bis in das von mir daheim aus nur 100 km entfernte Gerardmer.

Schöne Fotos von der Stadt und der sie umgebenden reizvollen Landschaft haben schon viele andere gemacht.

Ich hatte mir mein Ziel nach der Netflix-Serie Zone Blanche / Black Spot ausgeguckt. Die Vogesen spielen darin eine wichtige Rolle. Nachdem ich gelesen hatte, dass für das Rathaus der fiktiven Stadt Villefranche die Maison de Ville von Gerardmer als Drehort gedient hatte, wollte ich da einfach mal hin.

Mairie Gerardmer

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