Freitag, 12. Juli 2019
Schlaflose Gedanken
Das Rauschen nimmt überhand.

Ob es eine Frage des Älterwerdens oder eine allgemeine Erscheinung des Zeitgeistes und des Zustands unserer Gesellschaft ist, weiss ich nicht. Jedenfalls passiert es mir immer öfter, dass Gedanken, die mir zunächst interessant erscheinen und über die ich dann auch gerne etwas bloggen würde, sofort von Gegenargumenten und Einwänden aller Art begleitet oder gar niedergemacht werden.

Man kann ja über alles schreiben. Aber es wird auch schon über alles geschrieben. Jeder hat zu allem irgendetwas zu sagen. Möglichst zu allem sollte man gleich eine Meinung und auch ständig neue Gedanken haben, was früher doch fast normal war.

Heute ist nichts mehr normal. Aus allen Ecken und Enden kommen Zurufe, Flüsterstimmen und Fertigargumente.

Eigentlich sollte man wirklich längere Pausen einlegen, um möglichst viel von solchem Rauschen an sich vorbeiziehen zu lassen.

Früher konnte man ja wenigstens noch mitrauschen.

 

https://anjesagt.blogger.de/stories/2730522/

https://trittenheim.wordpress.com/2019/07/10/hoerst-du-es-rauschen-kommunikationsstoerungen/

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Dienstag, 2. Juli 2019
Wo brennt's?
Zum Thema Waldbrand hatte die ARD gestern Abend auch gleich eine Sondersendung ins Programm genommen. Und wie hiess diese Sendung über brennenden Wald natürlich? Na? Brennpunkt!

Bis heute Mittag war noch nicht sicher, wann man des Feuers endlich Herr werden würde. Man fragte sich also: "Wann wird man dem Feuer Herr?" Manche sind ja noch nicht mal Herr des Genitivs. Geschweige denn des Feuers.

Ein interviewter politischer Verantwortlicher meinte dann, man müsse auch das Positive sehen. "Alles, was jetzt abbrennt, kann dann später nicht mehr abbrennen."

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Donnerstag, 27. Juni 2019
In luftigen Höhen am heissen Tag
Heute Nachmittag bin ich von 36° auf 26° runter- und dabei gleichzeitig in mehr als 1.000 m Höhe hochgefahren, vom Rheintal in die Vogesen. Vorbei an der Käse-Metropole Munster, in angenehm luftige Höhen mit ruhenden Skiliften, vorbei am Petit Ballon (Kleiner Belchen, Kahler Wasen) und am Grand Ballon, am Hohneck und am Lauchsee, bis in das von mir daheim aus nur 100 km entfernte Gerardmer.

Schöne Fotos von der Stadt und der sie umgebenden reizvollen Landschaft haben schon viele andere gemacht.

Ich hatte mir mein Ziel nach der Netflix-Serie Zone Blanche / Black Spot ausgeguckt. Die Vogesen spielen darin eine wichtige Rolle. Nachdem ich gelesen hatte, dass für das Rathaus der fiktiven Stadt Villefranche die Maison de Ville von Gerardmer als Drehort gedient hatte, wollte ich da einfach mal hin.

Mairie Gerardmer

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Mittwoch, 19. Juni 2019
Vergiftete Erdbeeren

Aus einem alarmierenden Skandal, der die geschätzte Blogger-Kollegin Brigitte Stolle zu einem kritischen Eintrag mit schönen Fotos veranlasste, entwickelte sich unerwartet eine lebhafte Diskussion über Grüne und Rote.

Ich habe versucht, mich mit meiner Meinung zwei Frauen gegenüber zu behaupten. Ob ich überzeugen konnte? Das Ergebnis, die Kommentare, sind zumindest lesenswert, hier.

Apropos Klimaleugner. "Klimarettung hin oder her – die globale Erderwärmung hat beschissene Folgen" schreibt Kollege Hypermental. Seine neuester Eintrag über die Eichen im eigenen Garten ist ebenfalls, aus mehreren Gründen, sehr lesenswert, hier.

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Donnerstag, 13. Juni 2019
Rede weise
Es gibt ja in verschiedenen Sprachen unterschiedliche Redewendungen zum gleichen Thema. Solche Idiome sind manchmal einfach nur lustig, meist auch ziemlich interessant. Wenn zum Beispiel ein Franzose "das Kind beim Namen nennen" will, dann wird aus ihm plötzlich eine Katze. Also aus dem Kind, nicht aus dem Namensnenner. "Appeler un chat un chat" heisst das dann.

Eine Katze kann man auch im Hals haben. Hierzulande hat man dort ja eher einen Frosch, wenn die Stimme bissle komisch klingt. Der Franzose würde sagen "J'ai un chat dans la gorge". Und was ist der Unterschied zwischen Schäfchen und Butter? Während man erstere ins Trockene bringt, kann man zweitere machen. "Il a fait son beurre", er hat seine Butter fertig.

Also alles in Butter? Weit gefehlt. "Tout baigne dans l'huile" heisst es dann auf der anderen Rheinseite ("outre-Rhin"). Alles badet im Öl. Oder kurz: "Tout baigne!"

Und was ist mit dem Wein? Wer A sagt, muss auch B sagen. Oder mit typischem Savoir-vivre formuliert: "Quand le vin est tiré, il faut le boire." Wenn der Wein gezapft ist, muss man ihn trinken.

A votre santé!

https://anchor.fm/dietrich-urich

Podcast Nr. 14 "Geschichten zum im Stehen einschlafen" (6 Minuten)

https://anchor.fm/dietrich-urich

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Mädels, Ihr macht mich ganz eifersüchtig!
Wenn ich in Euren Listen so lese, in welchen Konzerten Ihr schon wart und welche Stars Ihr also live erlebt habt, dann werd ich ganz neidisch. Ich war nämlich noch nie in so einem Konzert. Mal abgesehen von den Don Kosaken, damals in Wiesbaden.

Beatles und Rolling Stones hätten mich zwar interessiert, aber ich war noch zu jung und die waren zu weit weg, in Hamburg oder so. Heute sind sie steinalt, heissen ja auch Stones.

Aber ich habe Schriftsteller live erlebt, auf Lesungen oder in kurzen Gesprächen nach einer Veranstaltung. Einen habe ich sogar interviewt. Ich war Chefredakteur der Schülerzeitung und hatte ein tragbares Tonbandgerät mitgebracht. Ich glaube es hiess UHER 2000 oder so.

Der interviewte Autor war ziemlich redselig. Ich habe dann nachher bei dem Versuch kapituliert, alles mit meiner mechanischen Erika Schreibmaschine zu transkribieren. Konnte ihm leider kein Belegexemplar schicken, um das er mich gebeten hatte. Das war mir doch ein bisschen peinlich.

Ein anderer wollte mir nicht sein Buch signieren. Er fand das spiessig und trug eine Lederjacke. Mit wieder einem anderen unterhielt ich mich über MBT Schuhe, Masai Barefoot Technology. Für einen Heimatdichter war ich Lektor und der Erste, der im Internet über ihn schrieb.

Und noch ein ziemlich Berühmter übergab mir in einer Wahlveranstaltung eins seiner Taschenbücher. Als Trostpreis. Weil ich mich an einem Wettbewerb beteiligt hatte. Mein Text war aber auch ziemlich kurz gewesen. Eine halbe Seite.

Einen einzigen der folgenden Autoren habe ich aber nie live erlebt und folglich auch nie ein Wort mit ihm gewechselt? Wer war's?

Wolf Wondratschek

Günter Grass

Walter Jens

Siegfried Lenz

Hans Imhoff

Heinrich Böll

Martin Walser

Horst Lapp

Rudi Dutschke

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Sonntag, 3. März 2019
Bilder sagen nichts
Ausgewählte Einträge:
https://schreibmanskultbuchauswahl.blogger.de/

Bei einer ganz bestimmten Gelegenheit wurde mir heute mit einem Schlag klar, warum Bilder der Sprache unterlegen sind. Man bekommt ja von Flickr regelmässig Mitteilungen, dass Leute, denen man folgt, neue Fotos gepostet haben. Die sind dann in weniger als Briefmarkengrösse auf einer Seite abgebildet und können natürlich einzeln angeklickt und vergrössert werden.

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Kann dieses Bild eine Geschichte erzählen? Ihm fehlen die Worte!
(Foto: Dieter Kayser)

Ich hatte aber gar keine Lust dazu. Von Weitem sahen sie nämlich eigentlich nur irgendwie bunt aus. So wie man bei einem aufgeschlagenen Buch nur Schwarzweissbilder sieht, die jede Menge Buchstaben und Wörter enthalten, die man aus der Ferne aber nicht erkennen und nicht lesen kann. Aus der Nähe betrachtet ergibt das einen Text, der dann natürlich verständlich und zusammenhängend ist. Oder auch nicht. Was man von den Bildern jedoch nicht behaupten kann. Sie ergeben nämlich keinen Sinn. Sind nur verständlich, wenn man zusätzliche Informationen hat. Wenn man einen Satz nicht versteht, kann man ihn mit weiteren Sätzen erklären. Wenn man aber ein Bild nicht versteht, nützen weitere Bilder dann auch nichts.

Also braucht man nicht weitere Bilder, sondern Sprache, um ein Bild zu verstehen. Was man umgekehrt von Sprache nicht behaupten kann. Sprache braucht keine Bilder, um verstanden zu werden, aber jedes Bild braucht Sprache, also einen Text, damit man es sinnvoll einordnen kann. Text ist zwar nur schwarzweiss und Fotos können richtig knallbunt sein. Durch die bunten Farben wird aber der Informationsgehalt nicht erhöht. Bunte Blumenfotos geben nur die Info "schön, bunt". Ein Bild von einer Explosion enthält keine Informationen. Diese müssen erst durch Sprache hinzugefügt werden. Sonst sagt das Bild nur "Bumm!"

Wenn Engländerinnen mit Heckenscheren ...

Dieses Foto wird erst durch Erklärung verständlich. In einem Film nach Rosamunde Pilcher ist eine Winzerin damit beschäftigt, Reben zu schneiden. Dazu verwendet man normalerweise eine wesentlich kleinere Spezialschere. Damit das Arbeiten damit besser zu sehen ist, hat man der Dame so eine grosse Heckenschere in die Hand gedrückt, die sie zudem noch viel höher hält als die Rebstöcke überhaupt wachsen.
(Screenshot)

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Dienstag, 12. Februar 2019
Episode 3 - Wie ich mal in Vichy war
Von einem Pariser Übersetzungsbüro erhielt ich in den 1980er Jahren mal einen schönen Dolmetscher-Auftrag. Ich sollte in Vichy der Witwe Steigenberger zur Verfügung stehen. Ich fuhr also 300 km von Brüssel nach Paris, wo für mich ein Hotelzimmer reserviert und ein Bahnticket nach Vichy hinterlegt war. Dort sollte ich mich dann beim Kurdirektor melden.

Der Mann empfing mich in seinem Büro im Kurhaus und briefte mich. Die Hotelkette Steigenberger wolle ein Wellnesshotel bauen und Madame Steigenberger gerne den Kurort besichtigen. Sie wolle sich ein Bild davon verschaffen, wie gut ein Hotel ihrer Kette in den Ort passen würde.

Vichy hatte seine Glanzzeit ja schon einmal hinter sich gebracht, nachdem keine aus den Kolonien zurückgekehrten Offiziere mehr mit Vichy Wasser ihre in Afrika angegriffenen Verdauungsorgane und Lebern kurieren mussten. Das etwas salzig schmeckende Wasser war dabei vermutlich der Leber ebenso nützlich wie überhaupt jedes Wasser, das als Ersatz für die entsprechende Menge Wein getrunken wurde.

Die Stadt hatte sich dann in den 1960er und 1970er Jahren etwas verjüngt und in Richtung Sport entwickelt. Der Allier staute sich zu einem grossen Wassersport-See und es gab ausser einem Golfplatz viele weitere sportliche und kulturelle Einrichtungen.

Dies alles besichtigten wir zwei Tage lang, an denen wir auch in den besten Restaurants assen und in angeregter Stimmung über alles mögliche reden konnten. Frau Steigenberger genoss ihren Aufenthalt und war wohl ziemlich begeistert.

Sie bedankte sich schliesslich auch bei mir für meine übersetzerischen und sprachvermittelnden Leistungen. Sie habe nicht gewusst, dass ein entspannter und kommunikativer Dolmetscher so viel zu einer guten Atmosphäre beitragen kann, meinte sie. Hat mich natürlich sehr gefreut.

Ich durfte am Abend des zweiten Tages, bevor ich in mein Hotel zurückkehrte, in einem Restaurant auf einem Schiff essen und trinken so viel ich wollte. Auf Kosten des Kurdirektors, der mich dort avisiert hatte. Der mit Pastis flambierte Loup de Mer war ein Gedicht.

Eine weitere Strophe gefällig? Gibt's zusammen mit einem trockenen Weissen, ein paar Brocken Französisch und ein paar Anmerkungen zum "Stil der Franzosen" aufm Podcast, Dieters Bessere Hefte Nr. 3, Dauer 9 Minuten, hier.

https://anchor.fm/dietrich-urich

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